Das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen 1970 mit Willy Brandt

Einer der großen historischen Tage in der Geschichte Erfurts ist zweifelsohne der 19. März 1970. An diesem Tag fand hier, erstmals nach dem Mauerbau und dem Beginn der deutschen Teilung im August 1961, ein Gipfeltreffen von Spitzenpolitikern aus beiden deutschen Staaten statt. Es war ein kalter, trüber Märzmorgen, an dem Bundeskanzler Willy Brandt in seinem Sonderzug die deutsch-deutsche Grenze überquerte und Kurs auf Erfurt nahm. Mit im Zug befanden sich westdeutsche Journalisten, um das Ereignis zu dokumentieren. Filmaufnahmen zeigen Brandt nachdenklich und ernst aus dem Fenster blickend, während die thüringische Landschaft langsam an ihm vorbeizieht. Es ist ihm anzusehen, wie schwer die deutsch-deutsche Teilung auf ihm lastet, und wie sehr ihm die symbolische Bedeutung dieses Besuchs bewusst ist.

Willy Brandt, der zu diesem Zeitpunkt gerade einmal fünf Monate im Amt war, wollte im Hinblick auf die Ostpolitik keine Zeit verlieren. Im Gegensatz zu seinen Amtsvorgängern, die auf Abgrenzung gesetzt hatten, lautete sein Wahlspruch „Wandel durch Annäherung“. Er war davon überzeugt, dass eine Verbesserung der Lebensbedingungen der DDR-Bürger nur über eine Annäherung beider Regierungen erreicht werden könnte. Auch das Fernziel, die Wiedervereinigung, hielt er nur auf diesem Weg für erreichbar. Viele konservative Politiker waren von dieser Vorgehensweise irritiert. Sie vermuteten hinter Brandts Haltung eine falsch verstandene Sympathie für das politische System der DDR. Doch Brandt ließ sich nicht von seinen Verhandlungsplänen abbringen. Letztlich erhielt er für seine Bemühungen um die deutsch-deutschen Beziehungen 1971 den Friedensnobelpreis.

Mit gemessenen Schritten betrat er am 19. März 1970 den Erfurter Bahnhof, wo er vom Vorsitzenden des Ministerrats der DDR, Willi Stoph, höflich begrüßt wurde. Auf dem Bahnhofsvorplatz empfing ihn eine jubelnde Menge von DDR-Bürgern, die seit Stunden auf sein Erscheinen gewartet hatte. Aus der Menge erschollen begeisterte „Willy Brandt!“-Rufe. Volkspolizei und Staatssicherheit waren auf einen derartigen Ansturm weder vorbereitet, noch wollten sie ihn dulden. Hastig wurden Absperrungen errichtet und Personalien von Demonstranten ermittelt. Die Situation geriet außer Kontrolle. Brandt, der inzwischen zu Verhandlungen im nahen Hotel „Erfurter Hof“ eingetroffen war, zeigte sich kurz am Fenster und signalisierte den Jubelnden durch eine beschwichtigende Geste, dass sie sich beruhigen sollten. Er wollte die anstehenden Verhandlungen nicht gefährden.

Doch das Gipfeltreffen brachte keinen politischen Durchbruch. Es wurden Reden gehalten und Höflichkeiten ausgetauscht, doch noch erwiesen sich die ideologischen Gräben als zu tief. Aber ein Anfang war gemacht. Beim Gegenbesuch der DDR-Delegation im westdeutschen Kassel und bei späteren Verhandlungen bahnte sich allmählich eine Verständigung an. Später folgten die berühmten Ostverträge, die als Willy Brandts Lebenswerk gelten. Brandts Staatsbesuch in Erfurt am 19. März 1970 ging als Anfangspunkt der deutsch-deutschen Entspannungspolitik in die Geschichte ein – nicht zuletzt wegen der mutigen Erfurter, die auf dem Bahnhofsvorplatz ihre Stimme erhoben, um ihre politische Meinung zu bekunden.